Interview Raul Pfammatter

04.11.2019 10:00

 

Raul Pfammatter – Ein iPod war seine erste Kamera

Der 19-jährige Newcomer Raul Pfammatter ist auf dem besten Weg, Landschaftsfotograf und -videograf zu werden. Das beweisen unter anderem sein YouTube-Film «The Way Down» und seine atemberaubenden Landschaftsbilder, die er auf Instagram veröffentlicht. Dafür besteigt er mit seinen Kollegen immer wieder Berge und konfrontiert sich mit der einen oder anderen Herausforderung. Raul fotografiert und filmt noch nicht lange und hat sich dennoch in kürzester Zeit ein unheimliches Wissen angeeignet. Obwohl er mit seinen Bildern Erfolg hat und bereits Kundenaufträge erhält, hat er noch keinen konkreten Plan für seine berufliche Zukunft. Erfahre in diesem Interview mehr über den Newcomer.


Light + Byte: Wie alt bist du?

Raul: Ich bin 19. 

 

LB: Gehst du noch auf die Kantonsschule?

Raul: Die Kantonsschule habe ich jetzt gerade abgeschlossen. 

 

LB: Weisst du schon, was du danach machen möchtest?

Raul: Ich weiss es ehrlich gesagt noch nicht und bin da sehr offen. Ich möchte jetzt erst mal reisen gehen und den Zivildienst machen und dann mal schauen, was aus mir wird. 

 

LB: Du hast ja noch etwas Zeit.

Raul: Genau, es ist noch kein fixer Plan vorhanden, wie ich jetzt weitermache. Aber am liebsten würde ich schon viel mehr Zeit mit Fotografieren und Filmen verbringen. 

 

LB: Wann hast du mit dem Filmen und Fotografieren begonnen?

Raul: Also angefangen zu fotografieren habe ich, als ich meinen ersten iPod bekam, der eine ganz kleine Kamera hatte. 

 

LB: Einen iPod?

Raul: Ja einen, iPod. Ich habe damit im Haus oder im Garten ein paar Bilder gemacht und habe sie damals schon auf Instagram gepostet. Meine Freunde haben mich immer bewundert, weil ich so tolle Effekte benutzt habe. Ich habe so gut wie alle Foto-Apps aus dem App-Store ausprobiert.

 

LB: Damals warst du noch auf der Sekundarschule, oder?

Raul: Ja, ich glaube schon. Das Fotografieren kam eigentlich auf ein ganz neues Level, als mein Vater die erste DSLR-Kamera gekauft hatte – eine Einsteiger-Canon, die ich auch benutzen durfte. Und dann habe ich angefangen mich im Internet zu informieren, wie man das eigentlich richtig macht. Vor ca. einem Jahr habe ich mir meine erste eigene Kamera zugelegt. Das war dann auch der Punkt, wo ich begann die Fotografie richtig ernst zu nehmen. Ich habe viel Zeit investiert, um mich zu informieren, wie das mit dem Fotografieren und Filmen wirklich funktioniert. Ich habe zu dieser Zeit auch in den Ferien geschafft, um mir die Fotografie zu finanzieren. Dann ging es wirklich richtig los und vor allem ging es schnell. Dann sind die ersten Kunden gekommen. Seitdem ist die Lernkurve steil nach oben gegangen.

 

LB: Du hast dir alles selber beigebracht, oder?

Raul: Genau, im Internet kann man einfach so viel lernen. Das Meiste habe ich wirklich durch Ausprobieren und durch Internet-Recherche gelernt. Immer das, was ich gelernt habe, habe ich direkt angewendet und wiederholt. 

 

LB: Weisst du noch, wer dein allererster Kunde war, der bei dir angeklopft hat?

Raul: Mein erster Kunde? Also angeklopft ist übertrieben, ich habe bei ihm angerufen. Ein paar Kollegen von mir hatten mit einer Uhrenmarke zusammengearbeitet, die jemanden suchen, um ein Video zu machen. So habe ich die Uhrenmarke angefragt, ob ich für sie das Video machen könnte. Ich habe auch gleichzeitig ein YouTube-Video als Referenz mitgeschickt, welches ich mal persönlich gemacht habe. 

 

LB: Welche Marke war das?

Raul: Flachsmann Watches. Sie machen sehr viel Kollaborationen mit Leuten, die auf Instagram unterwegs sind. Sie haben auch zugesagt und mir eine Uhr geschickt, was quasi meine Bezahlung war. Es war nicht die erfolgreichste Zusammenarbeit, aber ich habe daraus gelernt und habe dann angefangen mein Portfolio auszubauen. Zu Beginn habe ich alles angenommen was ich annehmen konnte, auch wenn es nicht gut bezahlt war, einfach um mein Portfolio auszubauen. Als ich dann das Gefühl hatte, dass ich etwas zum Zeigen habe, habe ich meine Website erstellt.

 

LB: Es gab aber auch den ersten Kunden, der bei dir angeklopft hat, oder?

Raul: Ja den gab es. Entscheidend war hier aber auch der Kontakt zu anderen Fotografen, die öfter mal fragen, ob ich ein Projekt übernehmen möchte. So war es dann auch beim ersten Kunden. Das war mein erstes grösseres Projekt – ein Hochzeitsvideo in Como.

 

LB: Ein Hochzeitsvideo ist ja schon etwas anderes als Berge oder Landschaften zu filmen. Kommst du dann auf die Hochzeit und legst einfach los?

Raul: Wenn ich eine Anfrage bekomme und noch nicht genau weiss, was auf mich zukommt dann sage ich dennoch grundsätzlich zu. Im Anschluss finde ich herausfinde, wie ich das Projekt umsetzen kann. Ich hatte diesen Auftrag angenommen und hab auch gewusst, dass ich ein Hochzeitsvideo machen werde. Ich habe nichts über Hochzeiten gewusst und ich habe mich einfach so gut es ging informiert, habe Kollegen angefragt, wie sie das machen, Blogs gelesen und dann einfach das Video gemacht. Es ist auch gut gelaufen. Wenn man es dann einmal gemacht hat, weisst du schon für das nächste Mal, wie es läuft und fühlst dich schon viel sicherer. 

 

LB: Hattest du beim Dreh des Hochzeitsvideos Angst, dass etwas schief geht?

Raul: Auf jeden Fall und es ist auch stressig gewesen. Ich hatte einen Kollegen mitgenommen, der mir ein bisschen geholfen hat. Aber ja, ich habe mir so viele Gedanken gemacht. Ich konnte schon gar nicht mehr schlafen. Ich glaube das gehört einfach dazu. Ich war sehr nervös. Ich habe mich schon vor der Hochzeit mit dem Brautpaar getroffen und wusste, dass sie sehr cool sind. Ausserdem hatten sie sehr viel Verständnis. Schlussendlich ist es ja sehr gut gelaufen und wenn man sich gut vorbereitet, bei der Sache ist und alles gibt, dann klappt das schon. 

 

LB: Wir haben gehört, dass du öfter auch mit anderen Fotografen fotografieren gehst. Ist das richtig?

Raul: Ja genau

 

LB: Das ist schon noch speziell, oder? Wenn man sich die Top-Fotografen anschaut dann herrscht dort eher Konkurrenz und ihr geht einfach mal zusammen in die Berge fotografieren. Gibt es unter euch keinen Konkurrenzkampf?

 

Raul: Konkurrenz ist es, wie ich empfinde nicht. Es ist sehr schön, wie das zusammen funktioniert. Bei vielen von uns steht der Spass im Vordergrund. Ich kenne nicht wirklich viele, die beruflich Landschaften fotografieren. Landschaftsfotografie ist meist etwas, was man für sich selber macht. Und man kann so viel voneinander lernen. Wir haben z.B. einen Chat, in dem die aktiven Landschaftsfotografen von der Schweiz drin sind. Man gibt sich Tipps, findet Leute, die mit einen fotografieren gehen und ich finde, das funktioniert sehr gut. Es gibt nicht viel Konkurrenz. 

 

LB: Der Chat läuft über welche Plattform?

Raul: WhatsApp. Und es ist echt lustig, wie man da manchmal reinkommt. Es gibt ja diese Instameets, die z.B. auch schon von Light + Byte organisiert wurden. Dort trifft man verschiedene Leute, mit denen man ins Gespräch kommt und jemand von dort fügt dich dann dem Chat hinzu. Plötzlich triffst du sehr viele Gleichgesinnte, die dich pushen neue Sachen auszuprobieren und deine Fähigkeiten sehen. 

 

LB: Das heisst, du bist dort gut aufgenommen worden?

Raul: Ja, ich finde schon.

 

LB: Macht dir eine bestimmte Form der Fotografie besonders Spass?

Raul: Also auf die Fotos bezogen ganz klar die Landschafts- und die Naturfotografie. Ich mache auch gerne mal Portraits und Sportaufnahmen, aber was ich für mich selber mache und was ich geniesse, ist Landschaftsfotografie. Und abgesehen davon, fokussiere ich mich ganz stark auf Videos.

 

LB: Wenn andere Party machen dann bist du also, mit dem Zelt in den Bergen unterwegs?

Raul: Man erlebt schon mehr. Ich gehe auch auf Partys und ich bin sehr gern mit Kollegen dort, aber ich bin auch sehr gerne draussen. Ich habe das Gefühl, wenn ich das Wochenende in den Bergen verbringe und fotografiere, habe ich die Zeit sehr gut genutzt. Ich habe dann viel mehr erlebt, als wenn ich zu Hause geblieben, in den Ausgang gegangen wäre und bis um 12 geschlafen hätte. Ich fühle mich am lebendigsten, wenn ich draussen bin und etwas am Machen bin.

 

LB: Gibt es einen Fotografen oder etwas anderes, was dich inspiriert?                      

Raul: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil es so vieles gibt.  Meine Inspirations-Plattform ist auf jeden Fall Instagram. Hier sehe ich sehr viele Leute, die ich bewundere. Ich speichere alle Beiträge ab, die mich inspirieren. Mich inspirieren z.B. viele Schweizer Fotografen, wie Twintheworld, also Roman und Valentin, aber auch internationale wie der Kanadier Emmet Sparling. Die meisten haben den Fokus auf Natur und Landschaft, wo ich zum Teil die Motive bewundere, aber auch den Stil, wie sie die Fotos machen. 

 

LB: Das klingt eher nach der jungen Instagramer-Szene. Alte Fotografen-Meister gibt’s dort keine, die du kennst und sagst, dass die cooles Zeug machen?

Raul: Ich traue es mir fast nicht zu sagen, aber nein. Ich schau vor allem auf das, was zurzeit aktuell ist und was ich auf Instagram sehe. Traditionelle und klassische Fotografie sind da eher weniger dabei. Auch wenn ich z.B. im Kunstunterricht damit konfrontiert wurde, mir auch mal eine Fotoausstellung anschaue und ich die Werke auch bewundere, was mich vor allem inspiriert, sind die schnelllebigen Sachen im Internet. 

 

LB: Neben Landschaften fotografierst du auch Menschen, oder?

Das ist ja was komplett anderes als Landschaftsfotografie. Was ist da der Reiz?

 

Raul: Ja, auch. Ich weiss nicht, ob es komplett anders ist. Wenn ich draussen bin, platziere ich gerne Menschen ganz klein im Bild, um der Natur eine Perspektive zu verleihen, um zu zeigen wie gross sie ist. Und wenn man Menschen so klein abbildet, möchte man sie früher oder später auch mal grösser ablichten. So habe ich den Spass daran gefunden, Menschen und Emotionen abzubilden. Wenn man das Gesicht sieht, bewegt das die Leute mehr, da man Emotionen zeigen kann. Aber von was ich mich versuche fernzuhalten, sind Shootings, wo mich Leute anfragen und an Locations gehen möchten. Das ist für mich zu unnatürlich. Ich habe es gerne, wenn es echte Emotionen sind, spontan ist und nicht zu gestellt. 

 

LB: Gibt es ein Beispiel eines Shootings, z.B. in den Bergen, wo du einer Herausforderung gestellt warst bzw. wo du etwas gewagt hast?

Raul: Es ist immer eine Grat-Wanderung, wie weit man gehen möchte. Ich erinnere mich an eine Situation, wo wir beim Schäfer zu fünft zelten wollten. Wir hatten geplant, bei Sonnenuntergang dort anzukommen, haben es nicht ganz geschafft und haben das Zelt weiter unten aufgestellt. Dann sind Wolken aufgezogen und es hat nicht so ausgesehen als ob wir den Sonnenuntergang noch fotografieren könnten. Wir wollten es schon fast ablasen. Zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs ist der Himmel dann aufgebrochen und wir mussten so schnell wie möglich hoch, um den Sonnenuntergang zu fotografieren. Angeschrieben waren 50 Minuten, um den steilen Weg zum Schäfer hoch zu gehen. Mein Kollege und ich haben unsere Kameras geschnappt und sind dort hochgerannt. Innerhalb von 20 Minuten sind wir oben gewesen und haben es noch rechtzeitig geschafft. Es war schon eine Grenzerfahrung, weil du komplett erschöpft dort oben ankommst. Wir waren froh, dass wir es geschafft haben, aber irgendwie war es dann schon «too much». Man macht schon alles was man kann, um das richtige Licht zu erwischen. Das fasziniert einen schon sehr. 

 

LB: Und jetzt wirst du den Zivildienst machen?

Raul: Ja genau.

 

LB: Der dauert länger, oder?

Raul: Naja, ein halbes Jahr werde ich da arbeiten. Aber es ist im Aargau, d.h. ich komme jeden Abend heim und am Wochenende kann ich fotografieren. 

 

LB: Danach hast du ja noch keinen konkreten Plan, aber könntest du dir vorstellen etwas mit Fotografie zu machen?

Raul: Ja, also im Moment läuft es einfach sehr gut, auch wenn ich mich nicht um Aufträge kümmere, werde ich regelmässig angefragt. Ich habe das Gefühl, das einzige was mich daran hindert als Künstler zu wachsen ist die fehlende Zeit. Ich glaube, dass wenn ich mir mal ein Jahr lang die Zeit nehmen und Vollzeit arbeiten würde, dann wäre ich schon viel weiter - auch ohne Studium. 

 

https://raul-pfammatter.com

​​​​